Eine Erinnerung an Axel Wendt

Unser Gast im Oktober und November 2014 und viele Male danach



Vielleicht hat jenes Ereignis vom Kriegsende ein Zeichen für sein Leben gesetzt:

Im Mai 1945 macht sich ein Trupp Menschen aus dem Dorf Schwertburg in der Nähe

von Lauban in Niederschlesien auf den Weg nach Berlin. Eine Mutter, drei Kinder,

die Großeltern, der Vater fehlt, niemand weiss, wo er sich zur Zeit als Soldat,

Wehrmachtsgefreiter befindet. Zu Fuß, das Hab und Gut auf einem Handwagen, sind

sie Teil eines Gewaltmarsches, einer Völkerwanderung, Flüchtlingswelle von zwölf

Millionen Menschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien zurück in ein zerstörtes

Land. Axel, das jüngste der Kinder, ist drei; die Flucht aus Berlin vor den

Bombenangriffen der Amerikaner, Briten liegt ein Jahr zurück. Das Haus in der

Lindauer Straße in Schöneberg ist zerstört, das der Großeltern in der Bülowstraße

(dort sollten die Bomben den nahe gelegenen Sportpalast treffen) ebenfalls. Auch in

der Suarezstraße, wo die Familie zum Schluss wohnte, war niemand mehr sicher, die

ältere Schwester Christa, damals sieben, hörte auch, wenn der Bombenalarm vorbei

war und sie aus den Luftschutzkellern raus durften, nicht auf zu schreien. Sie schrie,

so wurde später erzählt, Wochen, Monate, niemand schaffte, dass sie aufhörte, zu

schreien.


Bei Görlitz ist die Brücke über die Neiße gesprengt, die Szenerie gleicht einem

Inferno, das Leben kann von einer Minute zur anderen zu Ende sein. Die

Todgeweihten kauern unter freiem Himmel, bedroht von den Tieffliegern, Panzern

der herangerückten sowjetischen Armee. Schlimmer als Hunger, Durst, Erschöpfung

ist die Angst vor der Rache der Russen. Todesangst. Die Mutter und der Großvater

werden aussortiert, antreten, mitkommen; nimm den Axel mit, rufen die älteren

Frauen der jungen Mutter zu, - als ob Mütter mit kleinen Kindern verschont und nicht

oder weniger häufig vergewaltigt würden. Tagelanges Warten, dann: Der Großvater

ist nicht erschossen und lebt und die Mutter musste lediglich Bottiche voll Kartoffeln

schälen. Und das größte Wunder: Axel kommt gar mit einem Geschenk an und rettet

den Trupp vorm Verhungern: Die Russen haben ihm ein Brot unter den Arm

geklemmt!!! Eins von denen, die nach dem Einmarsch unter dem ersten

Stadtkommandanten der sowjetischen Armee Bersarin an die Berliner Bevölkerung

verteilt wurden.

Die Geschichte wird später oft erzählt: Mit den großen braunen Augen und dem

dunklen Teint und seinem hoch geschlossenen Kittelchen und dem Pony sah der Axel

wie ein kleiner Russenjunge aus... Hans im Glück trug seine Gans unterm Arm, unser

Axel einen Brotlaib! Von Stund an gehörte Axel zu den Begnadeten, vom Schicksal

verwöhnten. Vielleicht sollte er sich noch lange daran erinnern, welches Glück es

bedeutete, anderen etwas zu essen zu bringen. Wie man dafür bewundert wurde,

welcher Held man war.


Die Schwester Christa, inzwischen neun und an einer Lungenentzündung erkrankt,

wird den Fußmarsch nie vergessen: Es war heiß, dieser heiße Mai `45, die Hitze

nahm kein Ende, überall lagen tote Soldaten, aufgeschlitzte Pferde, manche lebten

noch, Fliegenschwärme auf den Kadavern, der südliche Modergeruch von Leichen,

Blut in der Luft... Als sie Berlin erreichen, trägt sie Axel auf dem Arm, der ältere

Bruder Wolf, der fünf ist, schafft es schon allein. Vor dem Haus in der Suarezstraße

ist sie am Ende ihrer Kraft, stürzt mit dem Kind aufs Pflaster und bricht sich das

Nasenbein. Axel rollt auf den Gehweg. Und hat von da an noch 72 Jahre zu leben.

Im Charlottenburg der Nachkriegsjahre verbringt Axel die Kindheit als einer, dessen

Familie überlebt, wieder ein Dach über dem Kopf hat. Der Großvater sorgt dafür,

dass die beiden Jungs nicht mehr nur in Trümmern und Bombentrichtern kicken,

sondern in einem der frühen Fußballvereine. Der Vater kehrt nicht zurück, er hat

Krieg und Gefangenschaft überlebt, aber in Stuttgart eine neue Liebe gefunden.

Männer sind rar im Nachkriegsdeutschland, viele Frauen bleiben allein oder müssen

sich den Partner mit einer anderen teilen.


Der Großvater und die Großmutter übernehmen die Erziehung, die Oma kocht,

organisiert den Haushalt, ist da, wenn die Kinder nach Hause kommen, die Mutter

ernährt als Sachbearbeiterin die Familie. 1957 ist Axel sechzehn und schmeißt die

zehnte Klasse. Der Krieg ist seit zwölf Jahren vorbei, aber das Grauen, der

Kadavergehorsam sitzt den Berlinern noch in den Knochen. Dank Marshall-Plan geht

es aufwärts, amerikanische Autos, Love me tender, singt Elvis, Loving you… Jimmy

Dean ist der Held, jung, begabt und erfolgreich wie kein anderer verunglückt er mit

24 Jahren bei Höchstgeschwindigkeit in seinem Porsche Spyder 500. Die Filme

handeln vom Rebellieren einer verzweifelt nach Sinn suchenden Jugend, von

Alkoholexzessen, leidenschaftlichen Liebesaffären, Messerstechereien, tödlichen

Autorennen an den Steilküsten südlich von Los Angeles. Denn sie wissen nicht was

sie tun.


Auch Axel weiß es nicht. Wie sich orientieren, erwachsen werden? Der Bruder macht

Abi, schlägt eine akademische Laufbahn mit Beamtenkarriere, Parteimitgliedschaft

ein, Axel rebelliert, grenzt sich ab, sucht seinen Weg und beginnt eine Ausbildung als

Koch. Er will mit seinen Händen arbeiten, später zur See fahren, auf Ozeandampfern

kochen, die Welt sehen. Andere mit Essen zu versorgen, lohnte sich, damit hatte er

gute Erfahrungen gemacht.


In der damals berühmten „Schilkröte“ an der Uhlandstraße findet er seine erste Stelle,

die Berliner Chickeria geht ein und aus, Hans Albers, Harald Juhnke, Friedrich Luft,

Franz Josef Strauß, die Artisten vom Zirkus Krone, Künstler, Bohemiens, Axel ist

mit ihnen per Du. Er sieht gut aus, besitzt Charme, morgens um zwei, wenn die

Töpfe, der Küchenboden geschrubbt sind, setzt er sich dazu. Er lernt früh, dass auch

Berühmtheiten, Künstler, Millionäre nur mit Wasser kochen und von Ängsten,

Selbstzweifeln, Depressionen keinesfalls frei sind, dass sich hinter schillernden

Fassaden nicht selten Tragödien verbergen.


Er arbeitet hart; wenn andere ins Kino, auf Parties gehen, macht er Überstunden. Er

ist beliebt, als der Chef ein Restaurant auf Amrum eröffnet, nimmt er Axel mit.

Saison bedeutet Geld verdienen, aber auch achtzig, hundert Stunden schuften pro

Woche ohne einen Tag frei, sich den Rücken, die Bandscheiben ruinieren, sich wach

halten mit Zigaretten, einschlafen mit Alkohol, für Beziehungen keine Zeit. Saison

bedeutet Durchhalten, immer größere Pfannen und Töpfe, satt sein vom Kochdunst

und selbst nichts essen, noch ein Reisebus, noch mehr Bestellungen bei immer zu

wenig Personal. In den wenigen Stunden zwischen den Schichten verrückt werden

vor Suche nach Sinn, Inselkoller war ein Begriff. Ganz am Ende, wenn alles vorbei

war und die Nächte länger wurden am Pier sitzen, ausgepowert, leer, aufs Meer

starren, rauchen, Salzwasser, Teer, Mövenscheiße, Tang inhalieren. Freiheit?

Axel kocht auf Sylt, Mallorca, im Hotel Zu den Vier Jahreszeiten in Hamburg, im

Kaiserkeller in Frankfurt, in Paris, in der Provence in der Nähe von Avignon, Grasse,

Montelimar. Die Klappe nicht halten, sich um alles in der Welt nicht verbiegen, da

bleibt man nicht lang auf der gleichen Stelle. In Frankreich ist er verliebt: In die

Küche, den Wein, die Landschaft, die Städte. In die Sprache, Musik, die Menschen,

die Frauen. Er lernt französisch, kleidet sich wie Jaques Brel. Jacketts, feine Anzüge,

Stoffe. Gern die passende Kravatte, ein Seidentuch, gutes Deo, mindestens von Dior.

Stil bedeutet etwas, er hält die Zigarette wie Jean Claude Pascal, eins seiner Idole,

den Charme besitzt er längst. Freunde nennen ihn später den Franzosen, er will von

hier nicht mehr weg. Die Liebe zu Frankreich! Die amour fou hält bis ans Ende des

Lebens; bestimmte Wendungen, Begriffe existieren für ihn nur noch auf französisch.

Später im Alter, als die Erinnerungen ihn einholen in Berlin, gebraucht er sie noch

immer: Tute suite, mon cheri, ma petite, merde, cèst ca, ca va... Später organisieren

Freunde französische Abende für ihn mit französischen Chansons, er beherrscht noch

die cuisine français, gelernt ist gelernt.


Nur etwas ist da: Er trinkt. Nicht ständig, aber in regelmäßigen Abständen säuft er

sich ins Koma, wird aggressiv, jähzornig, kriminell. Er verliert in solchen Phasen die

Kontrolle, randaliert, lebt auf der Straße, vernachlässigt die Arbeit, ruiniert seine

Gesundheit. Die Gitanes, Gauloises zünden sich eine an der anderen an. Wieder in

Berlin lebt er mit einer Alkoholikerin, die in der Gaststätte, die sie gemeinsam

übernommen haben, schon mittags betrunken am Tresen lehnt und auch noch die

allerletzten Ersparnisse vertrinkt. Axel trennt sich lange nicht, ruiniert sich selbst,

Freunde sprechen vom Helfersyndrom. Er spricht später nicht gern über die Zeit, es

gibt Dinge im Leben, die hat man nicht in der Hand. Die Familie schiebt es aufs

Milieu, er hat unserer Mutter viel Kummer gemacht, sagt die Schwester.


Ein Arzt klärt sie auf: Mit dem Gen, das Sie zum Trinker, Quartalsäufer werden lässt,

werden Sie geboren, das suchen Sie sich nicht aus!


Mit nicht mal fünfzig der erste Herzinfarkt. Er muss neu gehen, sprechen, allein essen

lernen; Invalidenpass, Frührente, Physiotherapie, Einsamkeit, Schmerzen. Eine junge

Gerichtshelferin, Anwältin, hilft ihm, die Papiere zu ordnen, Verfahren zu beenden,

Rechnungen, Schulden zu begleichen. In der Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt

in der Bergstraße in Steglitz findet er Freunde; zu Festen drei-, viermal im Jahr kocht

er dort ehrenamtlich Eisbein und Schnitzel im Herbst, Spargel im Frühling, Ostern

Forellen. Die Freunde besorgen ihm eine Zweizimmerwohnung in Friedenau,

Hauptstraße Ecke Frege, barrierefrei, behindertengerecht, wo er die Wände mit

Drucken von Cezanne, Van Gogh, Gaugin und Monet behängt: Le Chateau Noir, der

Berg Saint Victoire, Mohnfelder, Seerosen, Fischerboote, immer und immer wieder

die Provence; er hat das alles einmal mit eigenen Augen gesehen. Er reiht Bücher in

Regale, jedes besitzt seine Geschichte. Romane von Dostojewski, Tolstoi, Flaubert,

die Biografien von Michelangelo, Leonardo da Vinci, Kunstbände en masse, ein

Lexikon der Weltgeschichte in zehn Bänden, ein Geschenk zum Abitur? Packt

Kontoauszüge, Ausweise, Gerichtsbescheide, Urkunden, in Schubfächer.


Manschettenknöpfe, Glückwunschkarten, Geschenkpapiere; Geschenke machen war

und ist seine Spezialität. Geschenke erhalten die Freundschaft. Die Freunde scheiden

sich von Stund an in jene, die ihn noch immer besuchen und die anderen, die er

verliert, weil sich sein Leben jetzt vor allem in den vier Wänden abspielt. Alles

langsam geht. Die Spatzen, eine Packung Reis verfüttert er pro Tag, sind seine

Kinder, Piepmatzen, mit denen er spricht; war er nicht selbst nur ein schräger Vogel?

Eine Familie, besann er sich, gab es nie. Doch, er hat eine Tochter! Nur war er

damals zu jung, lehnte die Vaterschaft ab, wollte -damals- sein Geld nicht für

Alimente ausgeben. Jetzt nimmt er Kontakt auf, ist überwältigt beim ersten und

einzigen Treffen von der Tatsache, dass da eine junge und schöne, selbstbewusste

Frau vor ihm steht. Sie ist erwachsen und braucht ihn nicht mehr.


Im Herbst 2014 kommt durch ein undichtes Absperrventil und den damit

verbundenen Wasserschaden das Leben noch einmal in Fluß, spült ihm der Zufall

tatsächlich eine Tochter vor die Fü.e. Die Versicherung trägt die Kosten für ein

Ausweichquartier, er zieht für einen Monat ins Literaturhotel, nur ein paar Schritte

die Fregestraße hoch. Bezieht Zimmer 5 dicht an der Rezeption, wo Linda für exakt

diesen Monat die Hotelchefin vertritt. Berliner Haudegen, Koch, früher schwerer

Trinker, bewandert in den Abgründen des Lebens trifft Absolventin der

Sprechwissenschaft in Identitätskrise voller Unsicherheit, Selbstzweifeln,

Lebensangst und der Frage nach dem Sinn des Lebens.


Es gibt keinen Sinn, gibt er ihr auf den Weg, außer: Das Leben genießen. Jeden Tag.

Sich nicht quälen, dafür ist es zu kurz. Augenblicke von Glück, mehr ist nicht.

Freude. Sich nicht rumgängeln lassen von Arschlöchern. Den eigenen Weg finden.

Stolz auf sich sein. In sich selbst vertrauen.


Es ist nichts so schlimm als dass es nicht für irgend was gut ist.


Fehler? Gibt es nicht. Nur Erfahrungen, die du machst!


Sie kocht ihm abends Tee, belegt Stullen mit Leberwurst und Käse, ça va bien?


Sie sprechen französisch, erzählen sich ihr Leben; die Schriftsteller auf den Fotos an

der Wand werden Zeugen einer Seelenverwandtschaft.


La vie est belle..., Ça ira mieux demain... sind die Sprüche.


Bääähh sagen lernen, so oft es geht die Zunge rausstrecken, wie Einstein...

Sie schreibt ihm aus Paris, Wien, Timisoara in Rumänien, wo sie am

deutschsprachigen Theater unterrichtet…


Ich habe das Gefühl, dass der riesige Druck, den ich mir die ganzen Jahre über

gemacht habe und der mich ganz krank gemacht hat, Stück für Stück von mir

abfällt... Sie schickt Postkarten mit Stränden, Rapsfeldern aus Schweden, reimt

Geburtstags-, Oster- und Weihnachtsgrüße. Er schneidet für sie seine

Lieblingsrezepte aus Kochbüchern aus, schreiben geht nicht mehr, klebt sie in DinA4

Hefte, Gourmet-Bücher entstehen, die sie Kunstwerke nennt, und ihn einen Filou.

Ich hab wieder die Leimhosen an, schreibt er zurück und Fais gaffe gamine!

Sie läd ihn zum Tanztheater ein, Faust, sie tanzt selbst mit, Faster Than Light heisst

die Company. Die Wiedersehen feiern sie mit Mangosaft im Sweet Cocos an der

Hauptstraße, Ecke Frege, auf den Tellern sieht es bunt aus, gedünsteter Lachs, viel

Koriander, Axel spart nicht mit Trinkgeld, unter Kollegen...


Er kocht Ratatouille mit provencalischen Kräutern für sie, Proviant für die Uni,

Fachbereich Linguistik, sie schreibt ihm, sie hätte sonst den Tag nicht überlebt.

Charme vergeht nicht, alle im Hotel sind in ihn verliebt, zu Geburtstagen, Feiertagen,

Gartenfesten, Sonntagsfrühstücken holen sie ihn ab, stützen, haken ihn unter. Er

bringt Doppelpackungen Mon Cheri mit, Ich war noch mal schnell im Piemont...


Zwei Flaschen La Fage (nur das beste, wenn schon, denn schon...) stellt er daneben,

auch aus dem Piemont, die Reise sollte sich lohnen. La Fage reimt sich auf courage,

der Reim taugt für ein Gedicht zu seinem Geburtstag. Die Blumensträuße, die er

mitbringt, sind so schön und so üppig, dass sie fotografiert werden, er hat Schlag bei

der Dame vom Blumenladen, komm Axel, das sieht doch jeder... Zur Abwechslung

zieht er auch Florentiner von Frau Behrens Torten an der Ecke aus der Tasche,

knusprig und hauchdünn, Donnerwetter, in Florenz war er auch noch, das letzte

Hemd hat keine Taschen.


Seinem Charme entzieht sich keiner.


Berliner Schnauze gepaart mit einer Prise französischer Lebensart? Immer das Herz

am rechten Fleck?


Wenn es Leute gab, die sich anpassten, verbogen, anderen nach dem Mund redeten:

Axel ist das Gegenteil. Er ist echt, er selbst. Kein Scheißer.


Seine Stimme, du musst mal Kettenraucher gewesen sein, um so eine Stimme zu

haben.... Wie er sich kleidet, immer fein, es ist ihm nicht egal was er anzieht, die

Gesten mit den Händen, wenn er etwas sagt...


Schrei mich nicht an, wir sind nicht verheiratet... , blöfft er, stehende Wendung bei

Meinungsverschiedenheiten.Wenn jemand nicht aufhören will, ihn von etwas zu

überzeugen...


Ich seh mal nach, ob da draußen die Hochhäuser noch stehen... , ist der

unverbesserliche Kommentar, wenn er an dem Mormortisch unter dem Gladach am

Eingang ene rochen jeht.


Die Katze Mary, Axel, sie ist in dich verliebt!..., nennt er Minouche.


Er vertritt den Spätdienst in der Rezeption, Anzug, Bügelfalte, die Lederschuhe frisch

geputzt, gestreifte Oberhemden mit passender Krawatte, er kann sich sehen lassen,

die Gäste werden sich an den Empfang, teils auf französisch, noch erinnern.

Einmal, für dreißig Gäste, kocht er noch Leberknödelsuppe, Tafelspitz,

Zitronenparfait.


Axel, warum bist du damals nicht in der Provence geblieben?


Dann hätte ich euch nicht kennengelernt!


In seiner Wohnung, ein Glück, dass er die hat, fühlt er sich wohl. Linda kocht für ihn,

kauft bei Netto schräg rüber den Reis für die Spatzen, kocht Kaffee, der stark sein

muss, dünner Kaffee ist ne Beleidigung. Legt die Callas auf, Lucia di Lammermoor,

Tosca, Sammlungen mit berühmten Arien. Sie hören Schubert, Schumann, Mozart,

Chopin, Tschaikowski, sogar Beethoven, gibt’s in den Schrankfächern nichts als

Schallplatten? Bob Marley, Shirley Bassy, Soul, Pop. Die Platten mit französischen

Chansons füllen Extra-Fächer. Linda sucht aus, Jaqes Brel, Jane Birkin, France Gal,

Gilbert Bécaud. Und immer wieder „Edith“. Die auch was durchhatte. Sie ist ihrer

beider besondere Freundin.


Sous le Ciel De Paris..., L`Etranger, Milord, Jài dansé avec l´amour....


Das Fenster steht offen, die Tür auch, der Sommer 2017 ist heiß und hört nicht auf,

Ein Spatz fliegt rein. Der Spatz von Paris?


Die Spatzen von Friedenau tschilpen mit, ein Glück, dass die Wohnung kühl ist.

No, rien de rien... Cést payé, balayé, oublié.... Je me fous du passé...


Die Verkäuferinnen vom Second Hand nebenan, die draußen vorm Laden eine

schmoken: Lauter geht’s wohl nicht, Ihr Verrückten!


Maeve, die Nachbarin, die in einer englischen Schule unterrichtet, sitzt Nachmittage

lang bei ihm und übersetzt die Liebesbriefe eines jungen Schotten, der bis Januar

1946 in Berlin stationiert war, an die Mutter. Die Briefe sind voller Zärtlichkeit,

Poesie, was für eine Geschichte! Das Bündel lag seit dem Tod der Mutter in einer

Reisetasche zusammen mit allem Möglichen, er hatte es nie wieder berührt. Jetzt

holen ihn die Jahre nach dem Krieg, seine Kindheit, noch einmal ein. Stimmt,

erinnert er sich. Damals in der Wohnung in der Suarezstraße, sein Bruder und er

wohnten in einem Zimmer, kam oft ein junger Soldat zu Besuch, der englisch sprach

und ihnen Kaugummis und Mickymaus und Asterix-Hefte schenkte und immer viel

für die Mama mitbrachte. Die sich immer schön zurecht machte.


Im Herbst 2017 heißt die Diagnose Kehlkopf- und Lungenkrebs, der Krebs hat zuerst

die Nieren befallen.


Ihm bleibt noch ein Jahr.


Er bekommt immer schwerer Luft.


Axel, du schaffst das!


Ich schaff gar nichts.


Er kämpft bis zum Schluss. Chemotherapie, Bestrahlung, abwechselnd, in Abständen,

die Krankenhaustasche ist seit Weihnachten immer gepackt, steht neben der

mannshohen Grünpflanze mitten im Zimmer.


Was denn? Ich hatte Glück, ich hätte schon damals weg sein können, im Mai 45...

Alles Zufall. Es hätte auch alles anders kommen können. Aber so, wie das Leben

war, war es okay. Er wollte kein anderes.


Sie besuchen ihn so oft es geht, schicken von Reisen Postkarten, Briefe, telefonieren.

Weihnachten schafft er es noch ins Hotel, auch zu den Geburtstagen im Januar,

Februar.


Noch ein Frühling. Die letzten Ausflüge ins Sweet Cocos, fünfzig Meter weiter,

immer mit der Ruhe, kleine Schritte, immer an der Wand lang. Sie streiten, wer

bezahlen darf, er besteht auf seinem Vorteil, dass er nichts mitnehmen kann...

Ein letzter Sommer. Er ist noch heißer, als der davor, nur Auserwählte besitzen jetzt

eine Erdgeschosswohnung, Axel, du bist ein Glückspilz! Wie immer! Am Ende kann

er nicht mehr atmen, ist erschöpft von jeder Bewegung. Alle schwitzen, er braucht

Wolldecken über den Knien. Er kann kaum noch sprechen, nur das Nötigste. Am

Ende kann er nicht mehr laufen, auch Sitzen, Liegen fällt schwer.

Allet schiete. Merde..


Seine Piepmatzen sind ihm treu, er sitzt dort viel an der schattigen, offenen

Balkontür, Livekonzert non stop.


Sie besuchen ihn im Krankenhaus, wo er mit den Schwestern per Du ist und immer

eine Vase für seine Blumen bekommt. Ein Privileg, weil Blumen in den Zimmern

nicht gern gesehen sind und alles viel zu viel Arbeit macht, bei zu wenig Personal.

Linda organisiert Termine, Rezepte, Überweisungen. Axel liest Zeitung, immer noch,

am Ende nur noch die Überschriften. Zum Schluss fächert sich mit dem Tagesspiegel

nur noch Luft zu.


Bringt bloß nichts mehr zu essen mit, ich krieg nichts mehr runter.

Fernsehen. Viel ist nicht mehr drin in der Flimmerkiste, manchmal noch die alten

Serien, So weit die Fü.e tragen, Colombo...


Was, du kennst nicht Colombo? Der immer so läuft, in seinem zu langen Trenchcoat,

was kennt ihr denn überhaupt?


Im Fussball kannte er sich früher aus, die Bundesliga, die Spieler sämtlicher

Mannschaften, der UEFA Cup und der World Cup. Früher. Die Dinge

verschwimmen, verlieren ihre Bedeutung, sollten die sich doch dumm und dämlich

rennen nach dem Ball. Die Zigarette schmeckt schon lange nicht mehr.

Selten wurden Rosen so lange angesehen wie die, die sie ihm mitbringen. Aus dem

Hotelgarten, riech mal die duften, alte Sorten.


La Vie en Rose?


Er nimmt Abschied von der Wohnung, verschenkt, was noch nicht verteilt ist, ahnt,

dass er dieses Mal nicht zurück kommen wird. In dem sonnendurchfluteten Zimmer

in dritten Stock des Behring-Krankenhauses an der Machnower Straße in Berlin

Zehlendorf ist bis spät am Abend Besuchszeit, sitzen vier junge Frauen gleichzeitig

an seinem Bett: Linda, Fadowa, Christa, Meave. Halten seine Hand, machen Mut.

Axel, wir sehen uns wieder im Himmel. Wir machen uns eine Wolke aus.

Wolke zehn, haucht Axel, noch verstehen sie ihn. Auf sieben ist zu viel Betrieb...

In seiner Todesstunde, in der Nacht zum 13. September 2018 um zwei Uhr nachts,

sitzt Maeve an seinem Bett. Er ist friedlich eingeschlafen, sagt sie später.


Hat er zum Schluss noch was gesagt?


Ja, aber zu leise. Ich konnte ihn nicht mehr verstehen.


Linda klärt die Formalitäten mit dem Beerdigungsinstitut, wählt den Blumenschmuck

aus, die Urne, verschickt Trauerkarten.


Als bei der Beerdigung am 19. Oktober 2018 um zwölf Uhr mittags in der Kapelle

auf dem Friedhof an der Eythstraße in Schöneberg Edith Piaf Je ne regrette rien...

singt, sitzen alle in den Reihen: Tommi und Biene und die anderen Freunde von der

AWO, die Nachbarn Georg und Klippenschieter, die Tanzlehrerin, sprich

Physiotherapeutin von der Muckibude, eine Freundin von ihr. Der Bruder Wölfchen

und seine Frau Heidemarie, Freunde, die niemand kennt. Die Saufkumpanen, raunt

jemand. Dreißig Trauergäste, vielleicht mehr. Die Schwester Christa ist zu krank und

hat letzte Grüße geschickt.


In unseren Herzen lebst du weiter... Auf Wiedersehen... Wir vergessen Dich nie...,

steht auf den Schleifen, Blumengebinden unter der Urne. Mit den Händen voll Erde

und Blüten fällt ein Brief mit ins Grab: Lieber Axel, leb wohl! … Und niemand hat

mir so viel Mut beim Klavierspielen gemacht wie Du! DANKE!


Im Literaturhotel stoßen alle noch einmal auf ihn an. Provencalische Auberginen,

Zucchini, Champignons, gedünsteter Lachs, Kürbissuppe, Mumm-Sekt, der im

Schlafzimmer in seiner Wohnung stand. Rosen, dunkelrot und groß wie die, die er

immer mitbrachte. Erinnerungen, Episoden, Axel lebt noch einmal auf.


Auf dem Tisch vorn rechts in der Bücherecke, wo er sonntags immer beim Frühstück

saß, quillen Fotos aus den Hälften einer Pralinenschachtel. Viele davon winzig,

schwarz-weiss mit gezacktem Rand: Mit der Mama vorm Lichterbaum, der Bruder

links, Axel rechts, beide in karierten Oberhemden, Weihnachten 1949. Die goldene

Hochzeit der Oma, das Gold-Paar hält sich hinter Mengen von Blumensträußen noch

immer bei den Händen. Ein Porträtfoto mit der Mutter als Vier- oder Fünfjähriger,

aufgenommen bei einem Fotografen, mit Pas par tout: Axel in Lederhose mit

Hosenträgern, der Pony frisch gekämmt, der Trotz, Eigensinn sind ihm ins Gesicht

geschrieben. Der Tag am Kriegsende, als niemand wusste, ob er überleben würde und

Axel der Held war, liegt noch nicht lange zurück.


An einem Marmortisch im Café Kranzler am Kudamm, Westberlin in den sechziger

Jahren, Oma und Opa, die Mutter, die beiden Söhne beide Anfang zwanzig, in

Schale, Anzug, Fliege, weißes Hemd.


Familienfeste mit langen Tafeln, Kerzen, Tischkarten, Torten, hohen, kunstvoll

gefalteten Servietten. Axel halbwüchsig, halbstark, erwachsen. Mit einer Bierflasche

in der Hand auf einem Segelboot, einem Ausflugsdampfer, im Strandkorb, in einem

Biergarten, in den Bäumen darüber die Sonnenflecken. Bei der Bundesgartenschau,

in Städten, südländisch mit engen Gassen. Passfotos; wie der Mensch sich verändert,

die Jahre...


Axel nach dem Schlaganfall mit bis zu den Oberschenkeln gewickelten Beinen auf

einem Krankenhausbett.


Ein junger Mann in Uniform in vergilbten Brauntönen, außen der weiße, gezackte

Rand: Der Vater? Oder der Geliebte der Mutter aus Schottland? Nein, die Uniform ist

eindeutig die der deutschen Wehrmacht...


Zu Geburtstagen, Ostern, Pfingsten im Garten vom Hotel, die Magnolie blüht, der

Quittenbaum, die Glyzinie, der Flieder. Mit Linda auf der Terrasse vom Sweet

Cocos, Linda trägt die Kirschen-Ohrringe, Sonne auf den Tellern, im Hintergrund

die Fassaden der Altbauten, die Linden, Akazien in der Fregestraße.


Passfotos, alte Ausweise. Postkarten mit Landschaften, Stadtansichten darauf. Fotos

von der Schwester im Sanatorium in Bad Kissingen. Die Familie des Bruders.

Und immer wieder, so viele Fotos wie von ihr gibt’s von niemandem, die

Großmutter. Ihr, hat er oft erzählt, ihr hatte er alles zu verdanken, ohne sie wär ich

nicht der, der ich bin...


Geburtstagskarten, Urlaubsgrüße. Zwei Strandschönheiten in Bikinis auf Amrum,

ihre Körper formen ein Herz, auf der Rückseite, zwischen Lippenstiftküssen: Für

unseren geliebten Herrn Axel von Tanja und Marion!

"In aller Früh, ach, lang vor Tag, Weckt mich mein Herz, an dich zu denken..."

Eduard Mörike, Lied eines Verliebten

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