Dialoge über Mary

Sie heißt Mary. Queen Mary.

Sie ist hier die Chefin.

Adel verpflichtet.



Eine Katze?

Dann bin ich hier richtig!


Eine Schönheit! Darf man ein Foto machen?


Als weiße Katze ist man immer Chefin!


Eine Glückskatze!

Sie hat uns viel Glück gebracht.


Sie hatte eine Schwester, Lou.


MARY-LOU.


kat. oh. kat.

name?

Mary.

Mary. sweet.

Yes. sweet, sweet...

you like ?

oh, like...


Sie empfängt die Ankommenden in der Rezeption.

Die Vorderpfoten gestreckt, den Schwanz eingerollt, begrüßt sie die gesprächigen und stillen, die munteren und müden, die mürrischen und aufgeregten, die Stammgäste und die Eintagsfliegen, die Professorenehepaare und die Dienstreisenden, die mit viel Gepäck und mit wenig, kurz: Alle unsere

Lieblingsgäste...


Sie kneift die Augen zusammen.

Steht über den Dingen.

Die meisten Gäste kommen wegen i h r !


Sie sieht Ihnen ähnlich.

Nein wirklich. Doch. So blond -


Ihr Hotel hat eine Seele.

Die vielen Details, die schönen Spiegel, und Möbel.

Und die Blumen, wie Sie das alles arrangieren -

Und was für eine Katze!







Sie können sicher sein! Sie betritt nicht die Zimmer, springt nicht auf die Sofas im Frühstücksraum, stiehlt nichts vom Buffet. Spaziert nicht in den Fensterbrettern, -sie bleibt auf dem Teppich. Sie weiß, was sich für eine Hotelkatze gehört.

Und wenn's net hinsehe und's sonst keiner sieht? Dos isch a Katze!


Nei, mir wollt ja net komme, aber die Schwiegertochter hat gdrängelt, Oma un Opa müsse halt dabei sein.

Kommen Sie rein, wie schön, dass Sie wieder da sind! Mary, aus dem Weg!

Na sag mal. Wer bisch du denn? Bisch du hier der Wächter?


Geh isch dos a Kälte. Man kann net atme.

Ge, die geht jetzt net raus.

Wie meine. Gell. Wenn des soo kalt isch, zieht's gleich s' Schwänzle i. Mary heißt's.

Ge, das mogsch' net Mary, wenns so a lausige Kälte isch...

Wissen Sie was? Ich hab die Stelle beim Rias Kammerchor bekommen.. Die haben mich genommen!

Glückwunsch!

Und wissen Sie warum? Bevor ich los bin, hab ich Ihre dreifarbige Katze gestreichelt.

Sie waren sicher auch sehr gut, man hätte Sie auch so -

Sagen Sie das nicht, Können allein entscheidet ja nicht. Wenn denen ihre Nase nicht passt oder was - , ich hab da schon alles erlebt. Nein. Dass ich jetzt im Rias Kammerchor singe, hab ich Ihnen zu verdanken. Und Ihrer schönen Glückskatze MARY -




Sagen Sie, was ist eigentlich ein Literaturhotel?

Also hier in Friedenau haben viele Schriftsteller gewohnt, zu verschiedenen Zeiten, darunter vier Nobelpreisträger.

Drei, mir hat jemand gesagt drei.

Carl von Ossietzky gehört auch dazu, er hat sich hier in der Gegend um den

Südwestkorso unter verschiedenen Adressen versteckt, immer ohne Namensschild.

Günter Grass hat in der Niedstraße 13, fünf Minuten von hier, fünfunddreißig Jahre gelebt. Herta Müller. Swetlana Alexijewitsch, - kennen Sie ja.

Max Frisch, Uwe Johnson, Kurt Tucholsky... alle, die Sie hier an der Wand sehen...

Und zu Ihrem Hotel gehört auch eine Katze. Schreibt die auch?

Aber ja, Sie kennt sich mit allem aus.


Ihr Hotel hat eine Seele. Die vielen Details, die schönen Spiegel, und Möbel. Und die Blumen, wie Sie das alles arrangieren -

Und was für eine Katze!


Hat der Erich Kästner auch hier gewohnt?

In der Niedstraße 5, gleich neben Grass, er hat dort seiner Sekretärin Emil und die Detektive diktiert.

Der Kästner hat so ein schönes Gedicht geschrieben über die Zeit. Kennen Sie das?


Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.

Ich bin die Zeit.

Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,

die Wunden schlägt und Wunden heilt.

Hab weder Herz noch Augenlicht.

Ich trenn die Gut' und Bösen nicht.

Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.

Ich bin die Zeit.


Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:

Ihr seid zu laut!

Ich höre die Sekunden nicht,

Ich hör' den Schritt der Stunden nicht.

Ich hör' euch beten, fluchen schrei'n,

Ich höre Schüsse zwischendrein;

Ich hör' nur Euch, nur Euch allein ...

Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:

Seid endlich still!


Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –

Lasst euren Streit!

Klein wie ein Punkt ist der Planet,

Der sich samt euch im Weltall dreht.

Mikroben pflegen nicht zu schrei'n.

Und wollt ihr schon nicht weise sein,

Könnt ihr zumindest leise sein.

Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!

Hört auf die Zeit!


Wie schön Sie das gesagt haben. Und alles auswendig! Ein großes Kompliment! Und das ist wirklich ein tolles Gedicht - .

Ihre Katze Mary hat auch zugehört.

Sie liebt Gedichte!


Rosa Luxemburg hat um die Ecke, in der Wielandstraße 23 gewohnt, von 1899 bis 1902, es gibt da auch eine Tafel, und danach in der Cranachstraße 58, auf der anderen Seite der S-Bahn, bis 1911. Acht Jahre später wurde sie -

Sie hatte auch eine Katze!

Mimi. Es gibt keinen Brief von ihr, in dem Mimi nicht vorkommt. Mimi hat immer Verstopfung, weil sie zu viel Fleisch ißt und kein Gemüse, und auf dem Rezept mit Abführpillen von einem Friedenauer Tierarzt steht: Für eine Katze der Frau Dr. Luxemburg. Mimi fängt immer Nachtfalter und zerpflückt sie, ist oft kränklich und weckt nachts alle auf. Und frisst Blumen.

Das macht Mary nicht.

Aber Gedichte liebt Mimi auch.

Vielleicht treffen sich die beiden ja noch. Im Katzenhimmel. Über Friedenau.


Mary weißt du, wer dich da streichelt? Eine Nobelpreisträgerin für Literatur!

Das ist ihr egal.

Das ist ihr doch nicht egal!


Das Literaturhotel haben wir 2008 gegründet, die erste Lesung war am mit Christoph Meckel, in den Artikeln, es gab jede Menge Interviews und Berichte, ist Mary jedesmal erwähnt. Die meiste Presse hatte sie.





Nein, sie darf bei Höchststrafe nicht auf die Stühle und Sofas. Stellen Sie sich vor, ihre weißen Haare. Und dann kommt eine Dame im schwarzen Hosenanzug...


Mary liegt schon wieder auf der Buchungsliste.

Und ich brauch den Mai.


Wo ist das Radiergummi, ich brauch dringend mein Radiergummi.

Mary spielt damit.

Kann sie sich nicht was anderes aussuchen?


Den Weihnachtsbaum bitte nur bis hier schmücken. Da unten ist vor Mary nichts sicher.


Mary so kommst du hier nicht rein, wo kommst du denn her, wo hast du dich

rumgetrieben, putz dich bitte, das ist hier ein feines Hotel.

Lassen Sie sie. Sie ist trotzdem eine Schönheit.


Siehst du ihre süße süße süße Nase?


Komm mal schnell her.

Mary macht Katzenwäsche.


Mary warum bist du nur so eine kleine kleine Glückskatze?


Hör mal, wie sie schnurrt.




Mary, ein Stück Lachs?

Lachs frisst sie nicht. Nur Kabeljau und Hühnerbrust, bio, pochiert.

Und Joghurt. Sie mag Joghurt.


Was frisst denn die Mary gern, ich will ihr was schönes mitbringen.

Müssen Sie nicht.

Oh doch, ich habs versprochen.


Mein Gott, jetzt hab ich doch nichts für ihre Katze, ich wusst' ja nicht - , ich hab ihr heut Morgen gesagt, da hat sie so gebettelt, heut Abend wenn i Heim komm kriegst was Schönes von mir. Und jetzt bin i kommen und hab nix. Das ganze Programm da heut, da noch die Galerie, da noch a Ausstellung, und auf dem Heimweg da hatt's auch kein' Laden g'habt, nix -

Gell, jetzt bist ganz vorwurfsvoll, und mir tuts so leid, i kann das gar nit sagen. I bin ganz unglücklich drüber Mary, glaub's mir.

Machen Sie sich keine Gedanken, Mary versteht das.

Glauben Sie? Hunde sind da anders. Aber Katzen. Vielleicht.

Nein Sie haben Recht. Katzen haben einen ganz anderen Horizont.


Sie kommt immer hinter mir her, beim Frühstück ist sie ununterbrochen hinter mir, wenn ich die Platten runter bringe, wenn ich wieder hoch gehe..., wie ein Hund.

Dabei hat sie schon gegessen, keine Ahnung, was sie will.

Sie liebt dich!


Heute Morgen komm ich angepest mit den Stones Sticky Fingers, hab das Album ewig nicht gehört. Auf den Punkt am Schluss von Sister Morphine war ich hier, Mary am Tor, hat mich schon von weitem gesehen, du glaubst nicht, wie sie sich jedesmal freut. Ich Vollbremsung, Kopfhörer raus, zu Mary: Please, sister Morphine, turn my nightmares into dreams... , hatte das noch im Ohr.

Sie fängt an zu tänzeln.

Voll der Stones-Fan!

Ich stell mein Rad ab, sie tänzelt weiter. Rumwälzen, Rolle vorwärts und rückwärts, springen, Saltos, du glaubst nicht, wie sie sich freut. Dann steht sie vor der Tür, wartet, dass ich aufschließe, beobachtet mich, jede Bewegung. Rein in die Rezeption, Krallen gewetzt am Teppich, der Schwanz geht hin und her, du hörst richtig, wie er aufschlägt. Ich die Brötchen in die Schale, die Zeitung auf den Tisch, les schnell noch ne Überschrift, sie sitzt schon unten an der Küchentreppe. Ja Mary sag ich, ich komm ja schon, sie will natürlich hoch und fressen, kann's kaum erwarten.

Ich geh los, na dann komm Mary, aber sie bleibt unten sitzen, bis ich mindestens auf der Hälfte bin. Dann startet sie. Und ist trotzdem erste. Auf der letzten oder vorletzten Stufe überholt sie mich jedes Mal. Mit Leichtigkeit. Souverän. Jeden Morgen ihr Spiel.





Insgesamt waren es fünf, die Bauern in Schweden wollten sie ertränken und die

Mädchen haben zwei davon im Schuhkarton im Liegewagen mitgebracht, Malmö-Berlin, ende August 2007. In dem Abteil sind sie überall geklettert, wenn der Schaffner kam, der Zoll, schnell unter die Decken, Mund zu gehalten, keiner durfte was checken. Eine Frau war noch mit im Abteil, die hat dicht gehalten.

Den Winter über drüben in unserer Wohnung gings hoch her, zwei totale Rabauken, wir haben pausenlos gebetet, daß keiner von ihnen vom Balkon fällt..

An einem Frühlingstag Mitte März brachte eine von den Mädchen die beiden hier rüber ins Hotel, die andere war in der Zeit in Australien, work and travel, in jedem Brief und jeder mail mussten wir von den Katzen berichten. So groß waren sie oder besser so klein, neun Monate, als sie auf dem Beet hier die Welt entdeckten, Blätter, Grashalme, Steine, Schmetterlinge... LOU lief schon am zweiten Tag ans Hoftor und raus auf die Straße. Immer weiter, ein Draufgänger vor dem Herrn, no risk no fun.

Dann war LOU weg, wir machten überall Aushänge, mit Fotos, wir hatten jede

menge Fotos, wir haben Tag und Nacht gesucht und sie stundenlang gerufen, nichts.

Jemand hat sie mitgenommen, weil sie soo süss war, jemand konnte nicht

widerstehen, sie war einfach zu hübsch... Schwarz, mit blauen Augen und so weich, so ein seidiges Fell -


Weisst du, wie die Farm heisst, auf der Isabelle im Outback in Australien wohnt?

MARY-Vale.




Kommt einer zu einem Impressario: Ich kann Vögel imitieren, haben Sie eine Arbeit für mich?

Vögel? Das können viele. Nein, leider -

Der andere macht das Fenster auf und fliegt weg.

Hast du gehört, Mary?


Komm Mary, kämmen.

Sie liebt es.

Zuerst den Rücken.

Bisschen Bauch. Wie flauschig.

Sie geniesst.

Und ihr Kopf, ihr schöner, schöner Hinterkopf, guck mal, die Linie hier. Und die Pfoten.


Krrrrrrr. Wumms. Volldrehung.

Die linke Pfote patscht gegen den Kamm. Fauchen, Totalangriff. In Deckung gehen, Schramme über dem Unterarm.

Tiger.

Pause.

Na sag mal.

Ich warne dich, Mary!

Oh, der Tiger ist wieder bereit.

Als ob nichts wäre.

Weiter kämmen -


Komm mal schnell her!

Mary macht Yoga.

Achtsamkeitsorientiert. Gegen Angstzustände.


Raus mit dir Mary.

Stubenhocker.

Wo ist dein Romeo?


Mary putz dich!

Du bist unser Aushängeschild !


Mary, das kitzelt...

Sie macht immer noch ihren Milchtritt.


Nicht zu fassen.

Sie spielt mit ihrem Schwanz.


Hör mal, wie sie jammert.

Sie ist ganz verzweifelt.

Schöne Schauspielerin.


Prinzessin Mary.

Darf ich sie mal auf den Arm nehmen? Ich bin ein Katzennarr.





Ein Schneeball. Eine Schneeprinzessin.


Mary im Schnee! Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie Schnee.

Guck mal wie Sie sich wundert, dieses komische weiße Zeug!


Was haben Mary und unser Praktikant Santino gemeinsam?

Sie lieben Schnee!

Und Schlagsahne.

Und schlafen...

Wie sie den Blättern hinterher jagt, mit denen spielt. Die machen sie ganz verrückt, und der Wind.

Sie weiß gar nicht, welches Blatt sie zuerst fangen soll.

Carlos hat sie heute vertrieben.

Im Ernst. Sie ist weggelaufen.

Mary! Verteidige dein Revier!

Carlos springt so hoch.

Mary schafft grad mal bis hier.


Carlos raubt Nester aus, da macht Mary nicht mit.

Wie bitte?

Weint da ein Kind?

Carlos und Mary -


Der Dirigent aus der acht, Herr Putnins, hast du gesehen, wie er Mary rein und raus lässt? Er hält ihr die Tür mindestens fünf Minuten lang auf, dann lässt sie sich immer noch bitten, er wartet. Summt was, aus dem Figaro Nun vergiss leises Flehn, süßes Kosen... Irgendwann bequemt sich Madame.

Und er lobt sie! Du glaubst nicht, wie er sie immer lobt.


Nein. Hat sie wieder bei Ihnen gebettelt?

Ja. Und heute mit Erfolg.





Mary wie siehst du aus? Abgewrackt. Zerzaust, was hast du denn mit deinem Gesicht gemacht, alles schwarz.Und mit deinem Ohr?

Raus mit der Sprache.


Hast du gesehen, was sie angerichtet hat?

Sie ist ein Raubtier.


Mary. Lass sofort die Maus in Ruhe. Nimm sie ihr weg. Halt sie fest. Mary bist du verrückt, die arme kleine Maus.

Sie kriegt jetzt ein Glöckchen um den Hals, damit die Mäuse dich hören

und die Vögel.

Du Räuber.


So ein kleiner Fink, auf den hatte sie's abgesehen. Total auf der Lauer, jede Faser angespannt, der Schwanz so. Totalkonzentration, zum Sprung angesetzt, sie hatte voll den Plan, alles berechnet, aber sie ist eben nicht mehr die Schnellste, die Vögel treiben ihr Spiel mit ihr. Als sie mitgekriegt hat, dass wir sie beobachten, war ihr das total peinlich.


In dem Karton? Ein Rotkehlchen. Sie hat es angeschleppt, als Geschenk, vorher

malträtiert. Immer mit der Pfote batsch, batsch, das arme Ding war fast ohnmächtig, ich konnte es ihr nicht gleich wegnehmen, sie ist immer wieder damit abgehauen. Sie hat es gejagt und rumgestupst. Es konnte nicht mehr fliegen, Mary ohne Erbarmen.

Es lebt noch, vielleicht erholt es sich wieder.


Sie war auf Vogeljagd. Ein Spatz da unten im Laub, hier neben dem Rhododendron.

Hatte ihn im Visier. Alles geplant. Sie wollte hier unten durch den Zaum und ist steckengeblieben mit ihrem Popo.

Pech gehabt Mary.


Wie meiner. Immer hoch auf den Baum und die Vögel im Visier. Dann springt er, umsonst, fällt runter, der Vogel ist längst weg. Und dann fängt er an und putzt sich und tut, als hätte er mit allem nichts zu tun.





Sie will, dass ich hinter ihr her komme. Legt sich hin, ich streichele sie, kraul ihr den Bauch, sie? Steht auf, geht drei Schritte, legt sich wieder hin. Ich hinterher, streicheln. Immer so weiter. Von der Küche runter in die Rezeption, durch den halben Frühstücksraum. Ich kann nicht mehr, bin am ende, hinten beim Klavier legt sie sich wieder hin, ich soll kommen.

Sie will dich eben ganz für sich!


Sie kann die Küchentür allein öffnen, also die ist ja immer nur angelehnt, sie schafft das, wenn sie will mit der Pfote. Aber sie setzt sich hin und wartet, dass ich ihr öffne und sie raus lasse.

Nein Mary, du schaffst das selbst.

Sie wartet.

Ich mach dir nicht auf, streng dich bitte an, Mary, wieso bist du nur so faul geworden.

Sie wartet.

Da kannst du lange warten, bemüh dich bitte.

Irgendwann, wenn ich sie nicht mehr beachte, schiebt sie ihre Pfote dazwischen, und wenn sie's einen Spalt geschafft hat den Kopf.

Ich: Prima Mary, siehst du -. Du kannst es. Toll gemacht!

Es interessiert sie nicht.


Mary, lieg doch nicht immer im Weg.

Das ist ihre Stelle, hier liegt sie am liebsten, wo jeder an ihr vorbei muss.

Und sie streichelt und bewundert und ihr Komplimente macht.


Mary liegt seit drei Stunden zwischen den Rosen . Das Kind aus der acht: Kätzlein schläft!





Sie hatte drei Söhne. Hier im Frühstücksraum hinter dem Vorhang dort hinten fand die Geburt statt, am 17. März 2008, ich weiss das, weil es der Geburtstag meiner Schwester war. Zuerst lag sie hier, alles sollte schon losgehen, aber dann musste ich zu einem Telefontermin mit dem Tagesspiegel, wir hatten ja gerade das Literaturhotel eröffnet, sie hat auf mich gewartet, und weil ich ewig nicht kam, hat sie sich's überlegt und sich dort hinten beim Klavier eingerichtet.

Wir waren drei Geburtshelfer, Beatrice, Tiffany und ich. Ein frisches Laken lag bereit, alle waren in Bereitschaft. Wir haben sie abwechselnd gestreichelt, hab keine Angst Mary, du schaffst das, bleib ganz ruhig... Sie hat sich auf die Seite gelegt, und dann ging's los. Zuerst kamen zwei auf einmal, nach zehn Minuten der dritte. Sie hat das so toll gemacht, jedesmal die Nabelschnur durchgebissen und den Mutterkuchen und alles, was noch rauskam, aufgegessen, und die Kleinen abgeschleckt, das Laken war picobello sauber, nur ganz wenig Blut. Sie hat dann zwei, drei Wochen immer hier hinten gelegen und gestillt,

von den Gästen hat es keiner gemerkt, bis die Kleinen angefangen haben zu krabbeln und wir sie runter in den Wäschekeller gebracht haben.

In der Zeit wohnte hierein kleiner Junge, drei Jahre alt, oder vier, Raffael aus Adelaide in Australien, die Eltern waren Komponisten und zu dieser Märzmusik hierher nach Berlin eingeladen, - ihm haben wir heimlich das Wochenbett gezeigt. Und am nächsten Tag hat er alles gemalt, es gibt so eine rührende Zeichnung im Gästebuch, wie Mary hinter dem Vorhang liegt und ihre drei Kinder stillt, möchten Sie sie mal sehen?


Sie war die perfekte Mutter, sie war bei der Geburt selbst noch nicht ein Jahr, aber sie hat ihren Kindern a l l e s beigebracht, jeden Morgen war im Garten Schule: Mäuse fangen, Vögeln auflauern, klettern, das Geschäft richtig machen, Wasser trinken aus der Tonne... Alle drei Söhne waren weiß-rot gestreift, drei Monate hat sie gestillt, den letzten Rabauken sogar sechs. Wir wollten ihn für sie behalten, weil sie nicht plötzlich so allein sein sollte, Trio, er hieß so, weil er drei süsse braune Flecken auf dem Hinterkopf hatte, sonst weiss wie die Mama. Mit einem halben Jahr war er stark wie ein Tiger, er hat seine Mutter umgerannt, sich auf sie gestürzt. Sie hat ihn zum Schluss gebissen, um sich zu wehren, da wurde er noch mehr stürmisch.

Trio war unbelehrbar. Wir haben mit ihm denselben Unterricht gemacht wie mit Mary: Wenn er auf ein Sofa sprang: Nein!

Wenn er auf dem Buffet thronte: Nein! Trio, nein!

Denkst du, das hätte ihn interessiert? Er war überall, in den Grünpflanzen, auf den Lampen, oben auf den Gardinenstangen, in den Gardinen hat er geschaukelt, keine Tischdecke war vor ihm sicher. Schließlich kam auch er in liebevolle Hände.




Komm mal vorsichtig her.

Unfassbar, wie sie genießt. Guck doch nur die Beine. Ihr Allerheiligstes, in den Himmel gestreckt!

Wie kann man nur so genießen.


Wenn sie ihr Geschäft macht. Erstmal wählt sie zwischen drei, vier Stellen aus, es

passt ihr noch längst nicht überall. Wie sie ihr Loch gräbt, die Konzentration in

Person. Und sorgfältigst alles verscharrt, und immer und immer noch was obendrauf packt, ein paar Blätter, Zweige, das noch und das...


Nein, sie hat keine Angst mehr vor Hunden, sie hat hier so viele Hunde erlebt. Sie beobachtet die Sache von ihrem Podest aus da oben. Souverän. Gelassen.

Hast du eine Ahnung. Guck mal, ihr Schwanz.


Mary sag mal Otto holt große rote Rosen.

Mit so was gibt sie sich nicht ab.


Hast du gesehen? Sie sitzt im Vorgarten auf dem Pfeiler.

Eine ägyptische Statue.

Sollen wir sie irgendwann einbalsamieren und ausstopfen?

Sie soll ewig leben.


Hast du Mary geseh'n?

Sie pennt an ihrem Heizkörper hinter dem Vorhang. Zweiter Tisch rechts. Seit sechs Stunden.


Vögel? Sie kriegt keine mehr. Zu dick.

Zum Glück.


Sie kann als XXL-Model gehen.

Sie kann was dazu verdienen.

Sieh sie dir an.

Obszön.

Aber schön.


Letzte Nacht, ich komm um zwei zurück vom Tempodrom: Madame, sitzt vor der Tür. Ich kam ihr grade recht.

Sie haben Sie nicht mit rein genommen? Es ist Sommer. Sie soll nachts draußen

bleiben!

Es geht weiter. Madame hinter mir her, ins Zimmer.

Nein!

Oh doch. Erst kurz gezögert, dann rein. Die Lage gecheckt, aufs Bett. Ausgestreckt in alle Richtungen, sie war so lang.

Um Gottes Himmels Willen, sie darf das überhaupt nicht. Bei Höchststrafe! Das

allerschlimmste Vergehen überhaupt: Die Zimmer der Gäste betreten! Sie hat das gelernt. Und sie weiss das -

Das hat sie mir erzählt, dass sie das nicht darf. Ich versteh ja die Katzensprache.





Das Geräusch. Sei mal still. Die Heizung?

Mary schnarcht. Sie schnarcht wie eine alte Dame.


… das Geräusch, wenn Mary ihre Brekkies knackt, ihren Kopf mit den immer spitzen Ohren in der weiß-blauen Schüssel. Wenn sie die Brühe auf dem pochierten Kabeljau mit der Zunge aufschlappert. Wenn sie ihre Krallen an den Seidenbezügen der Biedermeierstühle, den Lebensbäumen auf den Buchara-Teppichen schärft.

Wenn sie auf den Buchungspappen in der Rezeption oder oben auf der Küchenbank schläft und atmet...


Wie alt ist sie jetzt?

Dreizehn.

Einundneunzig! Ein Katzenjahr sieben Menschenjahre.


Mary ist auf der Terrasse. Sollen wir sie durch den Flur reinlassen?

Sie muss das selbst schaffen, hier an der Hecke kommt sie doch runter.

Sie schafft das nicht mehr.

Sie hat es doch immer geschafft.


Sie frisst irgendwo bei den Nachbarn.

Wie kann sie sonst so dick sein.


Man Jürgen, wie nimmst du sie denn?


Das tut ihr weh.

Ihr gefällt das.


Mary, sag bitte!

Mein Gott, sie hebt die Pfote. Wie sie dich ansieht. Sie bettelt.

Wenn sie nicht mehr kann, hebt sie die andere, das bedeutet bitte, bitte bitte, gib mir meine Brekkies, schnell, es ist dringend.

Wenn sie nochmal wechselt, ist es ganz ernst.

Ihr Blick, die ganze Haltung, oh Gott. Sie hat nur noch das fressen im Kopf.

Mary!

Hör auf, sie merkt, dass wir über sie sprechen.

Ihr ist das peinlich.


Mary geh raus spazieren.


Die Lage peilen, die Stimmung checken, Abendluft wittern, auf der Stelle verharren.

Dann!

Die Schnurrhaare zittern...

Zum Glück sind Friedenaus Straßen so schmal, dass ein Auto dem anderen

ausweichen, Schritt fahren muss: Wenn die Grand Dame des Literaturhotels Berlin

bei Mondschein ihre Runden dreht:

Die Frege runter bis Edeka, durch die Wieland zurück, an der S-Bahn, am S-Cafe wird sie gesehen...


Einmal vor elf oder zwölf Jahren kamen zwei Kinder angerannt.

Können Sie mal ganz schnell kommen, da ist eine Katze im Baum. Sie ist vor einem Hund ausgerissen, und jetzt fressen sie die Krähen.

Wir los. Alles stehen und liegen gelassen, raus auf die Straße. Mindestens drei riesige Krähen waren um sie rum. Wir geschrien, mit Steinen geworfen, Jürgen ist los und hat die Leiter geholt.

Es war im letzten Moment, die hätten sie zerhackt, sie hat geschrien, so hat noch kein Kätzchen geschrien. Die Krähen sind weg, Jürgen hat sie genommen und runter gebracht, und ich hab sie erstmal nur festgehalten und gestreichelt und sie beruhigt. Sie können sich nicht vorstellen, ihr Herz...





Eine Katze ist eine Katze ist eine Katze.


Sie weiss, dass sie schön ist.

Und dass alle sie bewundern.


Sie spürt, wenn es jemandem schlecht geht und leidet dann mit.


Ich mach's jetzt wie Mary.

Sie ist mein Vorbild.


Wie sie da sitzt.

Eine Diva.

Im Pelzmantel.


Ich hab heute vergebens versucht, Ihre Katze Mary zu fotografieren, nicht gelungen. Sie guckt jedesmal weg. Sie ist eben eigensinnig wie eine Katze.


Zuhause haben wir auch ein Biedermeierzimmer.

So einen Tisch, ein Sofa, solche Stühle, einen Kronleuchter.

Und auch eine Katze.


Wusstest du, dass es weltweit Katzenhotels gibt?

Travel for Cat Lovers.... Hotels mit Schnurrfaktor...

Es gibt Katzenhotels, da kann man sich zu unterschiedlichen Preisen eine Katze

aussuchen und mit ins Bett nehmen.

Mary, das wär's?


Die Katze von Karl Lagerfeld, Choupette, erbt mal alles.

Mary, und Du?


Sie spricht alle Sprachen.

Also schwedisch versteht sie auf jeden Fall.

Sie kommt ja aus Schweden!

Jemand hat uns zehn Punkte bei booking.com gegeben.

Nur wegen Mary.


Verehrer? Immer noch. Aber sie hat jetzt auch gern ihre Ruhe.


Sie ist alt geworden, bewegt sich viel langsamer. Sie schläft mehr und sitzt oft

stundenlang einfach nur da und horcht in sich rein.

Sie erinnert sich an was.


Die Katze Erinnerung von Uwe Johnson.

Mary, bist du die?



"In aller Früh, ach, lang vor Tag, Weckt mich mein Herz, an dich zu denken..."

Eduard Mörike, Lied eines Verliebten

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